Barrierefreiheit beginnt vor Tag 1

Entwickler müssen sich das Wissen über Accessibility bereits im Studium aneignen

Über digitale Barrierefreiheit entscheidet primär der Code und damit der Frontend-Entwickler einer Software. Er muss sein Wissen daher früh aufbauen und von Beginn weg einbringen. Warum, zeigt unser Erfahrungsbericht. 

Barrierefreiheit lässt sich nur dann erfolgreich in Software-Projekten umsetzen, wenn sie einerseits von Anfang an berücksichtigt wird und andererseits das Projekt-Team über das notwendige Know-how verfügt. Letzteres betrifft insbesondere UX Designer und Frontend-Entwickler. Da primär der Code über digitale Barrierefreiheit entscheidet, sind es die Frontend-Entwickler, die einen Grossteil des Aufwands zu leisten haben, um ein Software-Projekt barrierefrei zu realisieren.

 

Ausbildungsnotstand

Gute Absichten und ein nach allen Regeln der Kunst erarbeitetes Design sind wertlos, wenn Frontend-Entwickler nicht über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um die Vorgaben an Barrierefreiheit umzusetzen. Leider ist das immer noch häufig der Fall. Zwar wird dem Thema Barrierefreiheit an gewissen Fachhochschulen bei der Ausbildung der Frontend-Entwickler Rechnung getragen. In den IT-Lehrplänen von ETH und Universitäten ist es jedoch so gut wie gar nicht vertreten. Dieses Manko führt dazu, dass sich Frontend-Entwickler aufgrund der fehlenden Kompetenzen oft überfordert fühlen – und die Accessibility einmal mehr aussen vor bleibt. Als Begründung führen die Projektverantwortlichen jedoch meist zeitliche Rahmenbedingungen oder Budgetvorgaben an. Hier hilft nur Klartext: Accessibility sollte zwingend Bestandteil der IT-Lehrpläne von ETH, Universitäten und Fachhochschulen sein, damit sich angehende Software-Entwickler und Ingenieure das Basiswissen bereits während des Studiums aneignen können.

 

Googeln hilft nicht

Barrierefreiheit lässt sich nicht zwei Wochen vor dem Go-Live «noch schnell einbauen». Ähnlich wie der Student, der am Abend vor der Prüfung zu lernen anfängt und mit Schrecken feststellt, dass er keine Aussichten hat, die anstehende Prüfung zu bestehen, können auch Entwickler ihre Wissenslücken nicht kurz vor dem Projektabschluss mittels einer Google-Suche stopfen.

 

Overlays und Plugins – mehr Fluch als Segen

Auch die neuerdings kolportierte Aussage, dass ein Accessibility unterstützendes Framework alle Probleme löst, muss ins Reich der Halbwahrheiten und Mythen verwiesen werden. Selbstverständlich sind Frameworks und andere Werkzeuge, die die Accessibility günstig beeinflussen und helfen, Barrieren frühzeitig aufzudecken, unverzichtbar. Es ist jedoch ein Trugschluss, sich bloss auf diese Hilfsmittel zu verlassen. Auch sogenannte Accessibility Overlays und Plugins sind mehr Fluch als Segen, denn sie schaffen mehr Probleme, als sie lösen.

 

Die Erfahrung und die Kompetenz von ausgewiesenen Accessibility-Experten sowie das Feedback von behinderten Menschen, die Ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung nutzen möchten, sind unverzichtbar. Wie viel ist Ihnen dieses Wissen wert?

 

Digitalisierung ohne Barrierefreiheit schafft keinen Mehrwert

Lassen Sie mich – Software-Ingenieur mit Sehbehinderung – Ihnen eine Kostprobe geben. Wie schon so oft bin ich auf einer Web-Baustelle gelandet. Dieses Mal handelt es sich um den Onlineshop eines Schweizer Grossverteilers. Die Website ist mit dem Screenreader schwierig zu navigieren. Doch ich schaffe es, die gewünschten Produkte zu finden und in meinen Warenkorb zu legen. Leider weist der Checkout-Prozess ein paar unüberwindbare Hürden auf. Beispielsweise ist es mir nicht möglich, das gewünschte Lieferdatum und die Lieferzeit auszuwählen, da die aktuelle Auswahl wie auch eine Änderung vom Screenreader nicht vorgelesen werden kann. Die übliche Checkbox, die anzukreuzen ist, um die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu akzeptieren, wurde durch einen Button ersetzt. Bloss schade, dass auch dieser Button Screenreader-resistent implementiert wurde – das Anklicken zeigt keinerlei Wirkung – und somit völlig unbrauchbar ist. Ich muss einsehen, dass ich meine Zeit verschwende. Ich lasse den Warenkorb stehen und verlasse den Onlineshop. Wer weiss, vielleicht habe ich bei der Konkurrenz mehr Glück.

 

Noch viel Luft nach oben bei Onlineshops

Ich habe den Grossverteiler freundlich und wohlwollend über die Hindernisse im Onlineshop informiert – leider vergeblich. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Einnahmen dem Anbieter in einem Jahr aufgrund von stehen gelassenen Warenkörben im Onlineshop entgehen. Wie die im vergangenen November veröffentlichte Accessibility-Studie von «Zugang für alle» zeigt, sind nur 10 von 41 getesteten Onlineshops hinreichend barrierefrei. Höchste Zeit, das Thema Ernst zu nehmen und in Barrierefreiheit zu investieren, damit UX Designer und Frontend-Endwickler den Anforderungen an Barrierefreiheit gerecht werden können. Bekanntlich gibt es nichts umsonst, weder mehr Kundschaft noch mehr Profit. So gilt auch hier die Bauernweisheit: «Zuerst säen, dann ernten!»